Tiroler Tageszeitung, Online-Ausgabe 09.06.2016, Andreas Rottensteiner, Link

Wacker-Trainer Jacobacci: „Den Mutigen gehört ja die Welt“

In Wackers Neo-Coach Maurizio Jacobacci brennt nicht nur die Lust auf den zweiten Ball. Dem 53-jährigen Italo-Schweizer geht beim Blick ums Tivoli das Herz auf. Er agierte schon Seite an Seite mit Marcel Koller.

FC-Wacker-Trainer Maurizio Jacobacci in seinem neuen Wohnzimmer Tivolistadion. Am Montag wird der 53-jährige Italo-Schweizer beim Trainingsauftakt erstmals auf seine Mannschaft treffen.

© Andreas Rottensteiner / TT FC-Wacker-Trainer Maurizio Jacobacci in seinem neuen Wohnzimmer Tivolistadion. Am Montag wird der 53-jährige Italo-Schweizer beim Trainingsauftakt erstmals auf seine Mannschaft treffen.
Sie nehmen am Montag mit dem Trainingsauftakt Ihre Arbeit beim FC Wacker auf. Welche Eindrücke haben Sie bisher gewonnen?

Maurizio Jacobacci: Die Eindrücke sind durchwegs positiv. Wir finden sehr gute Bedingungen vor, mir geht das Herz auf. Und ich freue mich, nach der Begrüßung der Mannschaft alle noch besser kennen zu lernen. Hinter jedem Spieler steckt ja ein Mensch – und es ist neben den fußballerischen Aspekte eine Hauptaufgabe, diese Persönlichkeiten wahrzunehmen.

Sind Sie mit den Kaderplanungen zufrieden?

Jacobacci: Ich wurde über Ali (General Manager Alfred Hörtnagl) stets bestens informiert. Er weiß, was ich spielen und aufbauen will und was es braucht, um die Gegner dort hinzuführen, dass sie in Schwierigkeiten geraten. Ich war zuletzt sieben Jahre Trainer und Sportchef gleichzeitig, jetzt habe ich mit dem Ali wieder jemanden an meiner Seite, der gewisse Sachen umsetzen kann und mir dabei hilft, mich noch gezielter auf die Mannschaft zu konzentrieren.

Was steht am Transfer-Wunschzettel?

Jacobacci: Nach dem Abgang von Deutschmann werden wir einen Spieler benötigen, der die Abwehr führen kann. Im Mittelfeld brauchen wir noch einen soliden und laufstarken Spieler, der von Box zu Box spielen kann. Und auch einen zusätzlichen Stürmer mit einer guten Torquote – im Falle dass Thomas Pichlmann ausfallen sollte. Wir müssen eine Bereitschaft an den Tag legen, die über dem Durchschnitt liegt. Wenn man Durchschnitt ist, steigt man nicht auf. Es hatte Gründe, warum St. Pölten Meister geworden ist. Gut Fußball zu spielen ist das eine, die physische Präsenz die andere Sache. Deswegen wird es entscheidend sein, wie fit wir aus den Startlöchern kommen, um dem Gegner unser Spiel aufzuzwingen.

Der FC Wacker hat im Frühjahr statisch gewirkt, die Altersstruktur war ein Thema. Was haben Sie bislang, auch auf 15 Videos, gesehen?

Jacobacci: Zunächst: Wenn ein Spieler ein gewisses Alter hat, hat er Erfahrungswerte, die von enormer Wichtigkeit sind. Es ist schon so, dass der FC Wacker teilweise von den wichtigen Toren von Thomas Pichlmann gelebt hat. Warum es nicht mehr so gelaufen ist – dafür muss man die Hintergründe kennen. Die Gründe, warum man zu statisch, zu weit auseinander ist und damit auch keinen Druck auf den Gegner aufbauen kann, sind oft Folge einer Kettenreaktion. Dann kann man den Schalter nicht mehr umlegen und der Gegner bekommt Luft. Anstatt sie ihm zu nehmen, führt man sie ihm zu.

Jacobacci: „Als Spieler habe ich nach Niederlagen nicht gehadert, sondern noch mehr Gas gegeben.“

Jacobacci: „Als Spieler habe ich nach Niederlagen nicht gehadert, sondern noch mehr Gas gegeben.“

 

Wer dominant ist, muss mehr pressen. Geht das mit einem Pichlmann an vorderster Front?

Jacobacci: Pressing erfolgt meistens auf der Seite. Seine Aufgabe besteht darin, den Pass zum Innenverteidiger zuzumachen. Es geht um das große Ganze. Je kompakter man spielt, desto kürzere Wege sind zu gehen.

Wie steht’s um den berühmten zweiten Ball?

Jacobacci: Ich verlange nicht, dass wir jedes Luftduell gewinnen, aber dass die Absicherung stimmt und mehr zweite Bälle erobert werden. Das ist ein entscheidender Punkt und war bei Wacker im Frühjahr aufgrund zu großer Abstände ein Problem. Es braucht Laufbereitschaft. Ein schnelles Aufrücken bedeutet Sprint.

Sie betonen die Physis. Felix Magath hat einmal gesagt: Qualität kommt von Qual.

Jacobacci: Leidenschaft ist auch ein Leiden, um etwas zu schaffen.

Suchen Sie den Kick? Der FC Wacker hat als klare Botschaft den Aufstieg in die Bundesliga genannt?

Jacobacci: … und das bedeutet, dass der Verein im Rahmen seiner Möglichkeiten diesbezüglich alles ausschöpfen will. Ein klares Statement ist gegeben, das ist eine Stärke, wir brauchen uns nicht zu verstecken. Dafür braucht es Mut – und man sagt ja, dass den Mutigen die Welt gehört. Wer nichts riskiert, kann nichts gewinnen.

Die EURO naht, Sie arbeiteten mit Marcel Koller bei Grasshoppers Zürich drei Jahre zusammen. Welche Qualität ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Jacobacci: Wie er mit Spielern umgegangen ist, vor allem auch mit den schwierigen. Er hat es verstanden, auch aus diesen das Optimum herauszuholen. Seine taktische Handschrift ist ohnehin erkennbar. Er ist ein offener, ehrlicher und auch sehr angenehmer Typ. Er hat sich durch seine Arbeit großen Respekt verdient.

Sie sind gebürtiger Schweizer mit italienischem Pass. Für wen schlägt das Herz?

Jacobacci: Genauer verfolgen werde ich die Schweizer und hoffe natürlich, dass auch meine Heimat Italien weit kommt. Das Teilnehmerfeld ist sehr stark, bei den Favoriten ist Deutschland immer ein Kandidat – Jogi Löw kenne ich ja auch aus der gemeinsam absolvierten Trainerdiplomausbildung in der Schweiz.

Nach so viel Fußball noch eine private Frage. Wie entspannen Sie in der Freizeit?

Jacobacci: Ich habe Fußball im Blut. Meine Gedanken drehen sich fast ständig darum, wie man etwas optimieren kann. So einfach abschalten – das geht nicht. Ich gehe aber gerne ins Kino oder mit meiner Lebenspartnerin gut essen.

Und was können Sie nicht ausstehen?

Jacobacci: Niederlagen nerven mich. Und zwar jene, die aus Eigenverschulden resultieren. Ich wollte schon als Spieler immer gewinnen, habe nach Niederlagen aber nicht gehadert, sondern noch mehr Gas gegeben.

Das Gespräch führten Alex Gruber und Tobias Waidhofer