03.12.2016 Patricia Loher, Tagblatt, Originalartikel

 

Rückkehr ohne Groll

DURCHBRUCH ⋅ Statt in St.Gallen macht Nicolas Lüchinger beim FC Sion Karriere. Im Wallis feiern sie den Rheintaler als Entdeckung der Saison. Morgen ab 16 Uhr trifft Lüchinger zum ersten Mal auf seinen früheren Club.

03. Dezember 2016, 09:08
Patricia Loher

Als die 90 Minuten gespielt waren und Sion gegen Basel verloren hatte, bekam Nicolas Lüchinger zu spüren, wie sehr sie ihn im Wallis bereits schätzen. «Du hast gefehlt», liessen ihn die Sittener Anhänger wissen. Im Spitzenspiel der Runde war Lüchinger gesperrt gewesen, zum ersten Mal nach acht Partien sah sich Trainer Peter Zeidler gezwungen, auf seinen rechten Aussenverteidiger zu verzichten.

Im Wallis feiern die Medien den 22jährigen Lüchinger als «Entdeckung der Saison». Sie verzeihen es ihm auch, wenn er, wie gegen Guillaume Hoarau von den Young Boys, einen Penalty verursacht. Sie schreiben, Lüchinger sei ein Sinnbild für die Erfolgsserie Sions, die vor den beiden Niederlagen gegen die Young Boys und Basel neun Partien angehalten hatte. «Nicolas begeht noch Fehler. Aber er verfügt über ein grosses Potenzial. Und das macht ihn für einen Coach interessant», sagt Zeidler. Nach dem Trainerwechsel von Didier Tholot zum Deutschen Zeidler gehörte der Rheintaler in neun Partien der Startformation an. «Ich habe gleich gespürt, dass mir Zeidler vertraut. Ich merkte: Da geht etwas», sagt Lüchinger. Von Zeidler, einem früheren Pädagogen, lernt der Ostschweizer jeden Tag. «Ich hatte noch nie einen Trainer, der seine Ansichten vom Fussball so gut vermitteln kann wie Zeidler», so Lüchinger. Im Wallis loben sie den Verteidiger für seine Kampfkraft, die Laufbereitschaft und seine Flanken. Hinzu kommt das Selbstvertrauen: «Ich wusste, dass ich es in der Super League packen kann.»

Das Angebot des FC St.Gallen abgelehnt

Dabei müsste Lüchinger heute eigentlich für den FC St.Gallen spielen. Er wäre ein Vorzeigefussballer von Future Champs Ostschweiz (FCO) und könnte in jedem Werbeprospekt für das Nachwuchsprojekt erscheinen: Als Talent beim FC Montlingen und im Team Rheintal-Bodensee entdeckt, durchlief er die Ausbildung bei FCO. Beim FC St.Gallen schaffte es Lüchinger aber nur bis in die Promotion League, in der höchsten Liga erhielt der Verteidiger keine Chance. «Je länger ich trotz guter Partien für die U21 vergeblich auf einen Einsatz in der ersten Mannschaft hoffte, desto unzufriedener wurde ich», sagte Lüchinger vor eineinhalb Jahren gegenüber dem «Anzeiger». Und: «Ich wollte immer zum FC St.Gallen. Aber ich will nicht in der U21 versauern.»

Die Ostschweizer liehen den Eichenwieser schliesslich an den FC Chiasso in die Challenge League aus, wo er in zwei Saisons 50 Spiele bestritt. In St.Gallen lief der Vertrag im vergangenen Sommer aus. Es sei nicht so gewesen, dass ihn der FC St.Gallen nicht mehr haben wollte, wie da und dort zu hören sei, sagt Lüchinger. Er habe ein Angebot auf dem Tisch gehabt. «Aber Sion offerierte mir das bessere Gesamtpaket.» So verspürt Lüchinger heute keinen Groll mehr gegenüber seinem ehemaligen Club, der nun zusehen muss, wie sein früherer Junior am anderen Ende der Schweiz Karriere macht. In Sitten verfügt Lüchinger über einen Vertrag bis Sommer 2019.

Lüchinger, dessen Cousin Gabriel Lüchinger ebenfalls einmal in St.Gallen spielte, heute aber für den österreichischen Leader Altach aufläuft, wohnt in Martigny. Nach zwei Jahren im Tessin, wo er «fast in Italien» die Lebensfreude der Menschen schätzen gelernt hat, ist er nun im Wallis angekommen. Die Mentalität sei mit jener der Tessiner vergleichbar, die Walliser seien freundliche Leute, die viel lachten. Das hänge vielleicht damit zusammen, dass das Wetter oftmals besser sei als in der Ostschweiz, sagt der Fussballer. Trotzdem besucht er seine Familie im Rheintal regelmässig. Lüchinger fährt die lange Strecke jeweils mit dem Zug. Früher hatte er sich gewünscht, der Weg führe ihn nur bis nach St.Gallen. Heute aber sagt er: «So läuft dieses Geschäft. Einmal setzt man auf dich, ein anderes Mal nicht.»