Tagblatt 09.07.2011  Text: Mathias Hafen, St. Gallen

 

18 südamerikanische Fussballer reisen durch die Schweiz. Hier wollen sie ihre Karriere lancieren. Hinter dem Projekt stehen zwei St. Galler Brüder – und ein ehemaliger Spieler des FC St. Gallen.

Fussball. Thal, Freitagnachmittag, 15 Uhr: 17 Brasilianer und ein Uruguayer steigen vor dem Hotel Schiff Buriet in einen modernen Reisecar. Dieser bringt die Fussballer zum Trainingsspiel gegen die Grasshoppers. Die jungen Männer sind uniform gekleidet – und doch hat jeder seinen individuellen Hintergrund. Das Ensemble ist eigentlich keine Mannschaft, sondern eine Zweckgemeinschaft von Sportlern, die in ihrer Heimat den Sprung in die besten Ligen nicht geschafft haben. Nun hoffen sie in Europa auf den grossen Vertrag. Fünf Minuten später fährt der Car Richtung Zürich. Er ist nichts anderes als ein rollender Spielermarkt.

Die Fussballer im Bus sind zwischen 19 und 27 Jahren alt. Ein gemeinsamer Traum verbindet sie: Alle wollen irgendwann im Rampenlicht stehen, im Fussballgeschäft keine Namenlosen mehr sein. Camilo Vieira, Diego Santos oder Tiago Lopes sollen in der Öffentlichkeit bald für Tore, Tricks und Titel stehen.

Jeder Vertrag bringt Geld zurück
Heute sind die Südamerikaner noch nicht einmal bei den Sportchefs der Fussballclubs ein Begriff. Dies zu ändern, ist die Berufung von Michele Cedrola. Er führt zusammen mit seinem Bruder Renato, einem Fifa-anerkannten Spieleragenten, und anderen Partnern die Front Group. Das in St. Gallen ansässige Unternehmen organisiert nicht nur Reisen und Tickets für Fussballspiele in ganz Europa. Es handelt auch mit Spielern – das seit zwölf Jahren.

Michele Cedrola initiierte das zweiwöchige Camp für die 18 Südamerikaner. Diese sollen sich im Gegenzug in vier Testspielen gegen Innsbruck, die Grasshoppers, Bellinzona und Winterthur von ihrer besten Seite zeigen. Denn mit jedem Vertrag, den ein Spieler mit einem Club abschliesst, fliesst Geld zurück in die Front Group. Für Cedrola hat sich der Aufwand des Trainingslagers gelohnt, wenn er «zwei, drei Spieler» bei europäischen Clubs unterbringt. Obwohl nach dem Spiel gegen Innsbruck Anfragen von österreichischen und russischen Vereinen bei ihm eingingen, bleibt der Manager Realist. «Vier, fünf von ihnen haben überhaupt das Zeug, um in Europa Fuss zu fassen», sagt Cedrola. «Aber wir müssen ja mit genügend Spielern anreisen, damit wir für Testpartien eine Mannschaft stellen können.»

Jefferson sichtet in Brasilien
Die Vorselektion geschieht in Brasilien, hauptsächlich durch Alexandre Batista Jefferson, der 2001/02 für den FC St. Gallen spielte. Dank 150 000 Franken eines brasilianischen Investors sichtet und fördert Front Group dort das ganze Jahr über junge Fussballer. St. Gallens Neuzuzug Atila stammt ebenfalls aus diesem Projekt. Er hat das erhalten, wovon die 18 Südamerikaner noch immer träumten, als sie spätabends in ihr Hotelzimmer zurückkehrten: die Chance, seine Karriere in Europa zu lancieren.