Anzeiger 22.06.2010, Text: Ueli Depp

Täglich Fussball. Die St. Galler Brüder Cedrola beobachten das aktuelle WM-Geschehen mit Argusaugen. Die beiden Ostschweizer sind als «Spürnasen» für renommierte Fussballclubs tätig.

Was soll einer tun, der nur Fussball im Kopf hat, aber zu wenig Talent für eine Profikarriere? Die Brüder Cedrola aus dem St. Galler Rheintal leben heute ihre Fussballleidenschaft als Spielervermittler und Organisatoren von Fussballreisen.

Die beiden quirligen Secondos wären gerne Fussballprofis geworden. Doch das Talent reichte nicht. «Wir mussten irgendwann einsehen, dass unser Wissen über Fussball grösser ist als unser Können», erzählt der 45jährige Renato Cedrola, der Ältere der beiden. Beim FC St. Margrethen und FC Altstätten kickte er einst. Doch weiter als in die zweite Liga reichte es nicht. Dafür waren die Cedrolas früh schon «erstklassige» Zuschauer: «Unsere Eltern stammen aus Italien – wir hatten das Glück, schon als Kinder viele Matches in Italien verfolgen zu können», erinnern sie sich. Die Altersgenossen aus ihrer Rheintaler Gemeinde hatten kaum je die Möglichkeit, italienischen Spitzenfussball in legendären Stadien wie dem San Siro in Mailand live zu sehen – für Familie Cedrola war das ein Teil des Alltags.

Es begeisterte sie, Rummenigge und Maradona dribbeln zu sehen. «Verirrten» sie sich zwischendurch mal ins St. Galler Espenmoos, wurde ihnen klar, «welch brutal hohes Niveau» sie in Italiens Spitzenliga jeweils präsentiert bekamen. Die begeisternden Fussballerlebnisse in Italien haben bei Michele (39) und Renato (45) bleibende Spuren hinterlassen. Vor dreizehn Jahren entschieden sie sich, ihre Leidenschaft Fussball zum Beruf zu machen – obwohl sie in ihren angestammten Berufen recht erfolgreich waren, wie sie anfügen. Sie wollten selbständig werden und «einfach einmal schauen», ob es möglich ist, den Traum zu leben.

Spezialisiert für Argentinien
Sie begannen bei null. Organisierten Fussballreisen. Reisten mit Fussballfans an Topspiele im Ausland und verknüpften die Reise mit gastronomischen Höhenflügen, einer Stadtbesichtigung und anderen Events. Irgendwann hatten die beiden Fussballverrückten so viel Fussball gesehen, dass sie sich zutrauten, ins Geschäft als Spielervermittler einzusteigen. Renato erlangte die Fifa-Lizenz, die ihn berechtigt, entsprechende Verträge abzuschliessen. Unter dem Firmennamen Front Group GmbH bieten die Cedrolas nun auf zwei Seiten ihre Dienste an: Zum einen ist die Firma für die Spieler tätig und vertritt deren Interessen, zum anderen sucht sie im Auftrag von Clubs nach ganz bestimmten Akteuren. In Deutschland zum Beispiel verlassen sich viele Clubs auf die Gebrüder, wenn es um potenzielle neue Stars aus Argentinien geht. Denn die Cedrolas haben sich für den argentinischen Spielermarkt spezialisiert – obwohl sie auch in anderen Ländern tätig sind.

In ihrem Geschäftssitz an der Rosenbergstrasse in St. Gallen gibt es zwei Büros, ein Besprechungszimmer und eine Videothek, in der ein paar Hundert Fussballvideos lagern. Als Spieleragenten «müssen» die Cedrolas täglich Fussballspiele anschauen, um auf dem laufenden zu bleiben. Zwar kickt von den rund 35 Spielern, die sie betreuen, keiner an der WM mit. Trotzdem ist es für sie unerlässlich, «auf dem laufenden zu sein». Renato Cedrola: «Wenn du mit einem Trainer sprichst, ist es wichtig, dass du mitreden kannst und die Spiele selber gesehen hast.»

anzeiger: Welches ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus der laufenden Fussball-WM?

Renato Cedrola: Viele Mannschaften spielen heute nur mit einer einzigen Sturmspitze. Sie sind sehr defensiv eingestellt. Das ist auch der Grund, weshalb es relativ wenige Tore gibt.

anzeiger: Verraten Sie uns, wer Weltmeister wird?

Renato Cedrola: Vier Mannschaften kommen für mich in Frage: Mein Favorit ist Brasilien, England wird es ebenfalls weit bringen. Ganz stark spielt auch Elfenbeinküste – wenn Didier Drogba in Form ist. Bei Italien ist alles möglich.

Michele Cedrola: Ich sehe auch Brasilien dank seiner Defensive als WM-Favorit; weit bringen werden es England und Holland.

anzeiger: Und die Schweiz?

Renato Cedrola: Die Schweiz hat eine gute Mannschaft und einen Weltklassetorhüter. Solange sie das Spiel nicht selber machen muss, wird sie gut spielen. Wichtig ist, dass sich kein Schlüsselspieler mehr verletzt.

Während die Cedrolas derzeit mit WM-Fussball beschäftigt sind, klingeln ihre Handys seltener als sonst. «Der Transfermarkt ist zurzeit ruhig», erklärt Renato Cedrola. Spieler und Clubverantwortliche seien in Warteposition. Da werde noch auf beiden Seiten ausgelotet. «Die grossen Clubs machen den Anfang mit ihren Transfers, danach folgen in einem Rattenschwanz die anderen.» Die Transferfrist läuft bis Ende August. Gemäss ihrer Erfahrung lassen sich im August die besten Geschäfte tätigen. «Dann purzeln die Preise der Spieler, die dann noch auf dem Markt sind», weiss Michele Cedrola.

Mit dem FC St. Gallen kaum im Geschäft
Während die beiden Ostschweizer viele Kontakte zu renommierten Clubs in aller Welt pflegen (Deutschland, Österreich, Italien, Spanien, China, Polen, Argentinien, Chile, Marokko), geschäften sie mit dem FC St. Gallen kaum. Warum nicht? Renato und Michele Cedrola zucken mit den Schultern. Vermutlich liege es daran, dass der FC St. Gallen «finanziell extrem limitiert» sei. Zurzeit seien die Ostschweizer ja auf der Suche nach einem neuen Innenverteidiger. «Einen solchen zu finden, der dann auch noch den Budgetvorstellungen entspricht, ist extrem schwierig.» Denn dieser Spieler müsse ablösefrei – und damit bezahlbar – sein. Und ein solcher Spieler vom geforderten Kaliber sei wohl nur im Ausland zu finden.

Mit ihren WM-Reisen konnten die Cedrolas kein grosses Geschäft machen. «Südafrika ist vielen zu teuer, zu weit weg und in dieser Jahreszeit zu kalt», weiss Michele Cedrola. Nur 25 Personen hätten bei ihnen das 4000fränkige Arrangement – 10 Tage WM mit Flug, Übernachtung und drei Spielen – gebucht. Doch die beiden Fussball-Spür-nasen tragen es mit Fassung. «Wir können gut vom Fussball leben». ■