Anzeiger vom 29.11.2011  Text: Ueli Depp, St. Gallen

Oscar Scarione 
Torjäger zwischen Ball und Babyzimmer

Turbulenzen im Fussball – Turbulenzen im Privatleben: Für den 26jährigen FC-St.-Gallen-Torjäger Oscar Scarione war das Jahr 2011 eine Achterbahnfahrt.

Der feingliedrige Argentinier öffnet die Wohnungstür mit ­einem zufriedenen Lächeln: Er hat soeben die Autoprüfung bestanden. Der Prüfungsexperte sei pfleglich mit ihm umgegangen. Nun freut sich der Neulenker auf die erste Ausfahrt mit seiner kleinen Familie im neuen «Mini Countryman». Es ist Mittagszeit und Ehefrau Rocio (22) ist mit Kochen beschäftigt. Die kleine Emma (7 Monate) wird zappelig in ihrem Laufgatter, rüttelt an den Holzstäben. Der Papa holt sie zu sich, nimmt sie in seine Arme und setzt sich mit ihr aufs Sofa.

Wertvollster Spieler der Liga 

Der torgefährliche Argenti­nier gilt als bescheidener, ruhiger Mensch. Statussymbole wie etwa teure Autos bedeuten ihm nicht viel. Dabei wird sein Marktwert auf 1,1 Millionen Franken geschätzt – der höchste der ganzen Liga. Scarione betont, dass er sich nicht als «etwas Spezielles» fühle. Zu Hochnäsigkeit neigt er nicht: «Ich bin mit mir selbst sehr kritisch.»

Nach turbulenten Monaten ist Oscar Scarione froh, dass nun wieder Ruhe und Stabilität in sein Leben eingekehrt sind. Als er beginnt, von seinem Jahr 2011 zu erzählen, atmet er tief durch, herzt seine Tochter. Vor einem Jahr noch spielte der 26-Jährige beim FC Thun. Freundin Rocio wurde schwanger. Die Weihnachtsferien verbrachte das Paar in Argentinien. Wegen Problemen mit der Schwangerschaft musste Rocio ins Spital. Scarione entschied, bei ihr zu bleiben, und kehrte eine Woche verspätet aus den Weihnachtsferien zurück in die Schweiz. Sein Trainer Murat Yakin kannte kein Pardon: Der Spieler musste die Captainbinde abgeben und Extrarunden drehen im Trainingslager. Die Chemie zwischen dem Trainer und seinem Spielgestalter stimmte nicht mehr.

Warum er zum FCSG wollte 

Das Angebot des abstiegsgefährdeten FC St.Gallen kam da für ihn gerade richtig. Verschiedene weitere Clubs bemühten sich ebenfalls um ihn (Xamax, GC, Sion), doch die Offerte des FCSG überzeugte den werdenden Familienvater am meisten. «Meine Frau war im siebten Monat schwanger, ihre Aufenthaltsbewilligung am Auslaufen – in dieser Situation waren für mich ­Sicherheit und Ruhe das Wichtigste.» Beim FC St.Gallen wurde ihm signalisiert, ihm nicht nur die Wohnung zu suchen, sondern ihn auch bei seinen privaten Belangen wie der Organisation der Geburt, Hochzeit und Aufenthaltsbewilligung zu unterstützen. Positiv war auch, dass seine beiden Berater aus St.Gallen kommen: Die Gebrüder Renato und Michèle Cedrola, die den Transfer einfädelten, führen die Front Group. So wechselte Scarione ­Ende Februar für angeblich 150 000 Franken in die Ostschweiz.

Doch der vermeintliche Heilsbringer konnte dem abstiegsbedrohten FC St.Gallen auch nicht helfen. Sein Start überzeugte kaum.

Einen Monat nach seinem Umzug gebar Rocio in der Geburtsklinik Stephanshorn Tochter Emma. Als die Wehen losgingen, war Scarione mit dem FC St.Gallen in einem Hotel in Thun. Mitten in der Nacht liess er sich von einem Freund zu seiner Frau ins Spital chauffieren – und kam gerade rechtzeitig zur Geburt. Wenige Stunden später reiste er zurück nach Thun, um sein Team im Spiel gegen seinen früheren Arbeitgeber zu unterstützen. «Ich konnte nichts, war kreidebleich und kraftlos», erinnerte er sich an seinen Kurzeinsatz zum 0:0-Endresultat.

Zwei Wochen später heirateten Oscar und Rocio. So kann seine Frau weiterhin in der Schweiz bleiben. Als Trauzeugen fragte Scarione wiederum seine Berater an, die Gebrüder Cedrola. Wenige Tage nach der Hochzeit folgte ein Tiefschlag: Der FC St.Gallen musste in die Challenge League absteigen. Sollte er dem Club die Stange halten oder einem lukrativeren Angebot in die Super League folgen?

Neun Tore in 14 Spielen 

Die Angebote von Grasshoppers und AS Monaco schlug er aus. «Ich möchte dem Club etwas zurückgeben.» Nach seinem nicht eben berauschenden Einstand mit nur zwei Toren in 15 Super-League-Spielen wollte er in der neuen Saison beweisen, was er kann. Und prompt entwickelte er sich zum Torjäger: In 14 Spielen gelangen ihm neun Tore. Dazu ist er auch ein hervorragender Assistgeber. Auch dank seiner Effizienz ist St.Gallen heute souveräner Leader in der Challenge League.

Beidfüssig stark dank Vater 

Der Sohn eines Getränke­chauffeurs und einer Hausfrau ist in bescheidenen Verhältnissen nahe der Hauptstadt Buenos Aires aufgewachsen. Auf Strassen und holprigen Erdflächen verbrachte er seine Freizeit beim Fussballspielen. Mit 15 Jahren entdeckte ihn der renommierte argentinische Club Bocca Juniors. So wurde er nach der ­Schule Berufsfussballer. Das Fussballer-Gen hat ihm sein Vater vererbt. «Er war noch talentierter als ich», sagt Scarione. Sein Vater war Linksfüsser – und so eiferte ihm der rechtsfüssige Sohn so lange nach, bis er beidfüssig stark spielen konnte. Heute erzielt der technisch beschlagene Torjäger seine Tore mal mit links, mal mit rechts.

Mit 20 spielte der zierliche Mittelfeldregisseur unter den Augen von Diego Armando Maradona zweimal für die Bocca Juniors. Doch das wars dann auch schon. Von 2006 bis 2011 spielte Scarione beim FC Thun. Als stetiger Gefahrenherd brachte er viel Schwung und Kreativität ins Angriffsspiel und schoss in 101 Spielen 38 Tore. In der Saison 09/10 trug er wesentlich zum Wiederaufstieg der Berner Oberländer in die höchste Schweizer Spielklasse bei.

Heute ist der kreative Mittelfeldspieler glücklich, in der Ostschweiz zu sein. Er schwärmt vom hervorragend geführten FC St.Gallen. Der Südamerikaner, der fliessend Deutsch spricht, lebt in einer Wohnung in Gossau. Im gleichen Quartier lebt auch ein Grossteil der übrigen Ausländer des Teams. Die Spieler wohnen fast Tür an Tür, treffen sich ab und zu, um die Freizeit zusammen zu verbringen. Doch der Argentinier setzt derzeit die Prioritäten etwas anders: Lieber führt er jetzt seine beiden «Frauen» im neuen Auto aus.n

Trainer Saibene über Scarione 

«Oscar Scarione ist ein begabter Fussballer. So begabt, dass die Erwartungen an ihn hoch sind. Man erwartet von ihm mehr als von anderen. Das ist vielleicht nicht korrekt. Denn Wunder kann auch er keine vollbringen. Scarione spürt, dass die Erwartungen hoch sind. Man weiss, dass er einen Match entscheiden kann. Macht er dann zwei, drei Fehlpässe, sind die Zuschauer irritiert. Manchmal macht er ′einfache Fehler′. Vielleicht will er es zu gut machen und setzt sich zu stark unter Druck. Doch ich bin zufrieden mit ihm. Er läuft viel, ist ein ruhiger, bescheidener, pflegeleichter Spieler. 9 Tore und 6 Assists sind eine gute Bilanz. Und er hat Potenzial «nach oben».