”Nur die wenigsten schaffen den Sprung”

Remo Zollinger
Von Remo Zollinger
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Die Brüder Renato und Michele Cedrola führen in St. Gallen die Agentur Front Group, die Spieler berät und Transfers abwickelt.

Obwohl sie derzeit Dauerstress haben, standen sie sport.ch ganze 75 Minuten lang Rede und Antwort. Im ersten Teil des Gesprächs beschreiben sie ihren Arbeitsalltag, die Karriereplanung bei jungen Spielern und Hindernisse, die sich in ihrem Weg befinden.

Gerade mal 39 Sekunden Gespräch vergehen, bis jemand versucht, Renato Cedrola per Telefon zu kontaktieren. Transfermarkt bedeutet für die Cedrola-Brüder, ständig erreichbar zu sein, beinahe rund um die Uhr zu kommunizieren.

sport.ch: Wie oft klingelt ihr Telefon eigentlich pro Tag?

Renato Cedrola: Es klingelt gar nie, da ich es auf lautlos gestellt habe. Es vibriert nur noch, und zwar häufig. Aber heutzutage hat man dank moderner Mittel genügend Möglichkeiten, zu kommunizieren. Unser Job ist ein 24-Stunden-Job – auch deshalb, weil in den heutigen 24 Stunden etwas Sache sein kann, das sich in den nächsten 24 Stunden total verändert haben kann.

Haben Sie in den Transferperioden im Januar und im Sommer deutlich mehr Stress als in der restlichen Zeit des Jahres?

Renato Cedrola: Auf jeden Fall. Da kommt es vor, dass dich ganz spontan jemand anruft, um ein Treffen zu vereinbaren. Der hat dann vielleicht ein Angebot, will sich mit dir treffen und verfolgt gewisse Ziele. In dieser Zeit ist alles spontaner als sonst, da der Januarmarkt anders ist als der Sommermarkt. Hier geht es mehr um Aufbesserungen und darum, bereits für den Sommer Vorarbeit zu leisten.

Michele Cedrola: Da gibt es Sondierungen, Vorabklärungen sowie Interventionen in Notfällen, beispielsweise, wenn sich ein Spieler verletzt. Dann zapft schnell mal jemand seine Quellen an, um in Erfahrung zu bringen, welche Möglichkeiten bestehen.

Ihre Firma ist vor allem in Europa und Südamerika tätig, Sie haben beispielsweise ein Büro in São Paulo. Wie kamen Sie zu diesen Aussenposten und wie gestaltet sich die alltägliche Kommunikation mit ihnen?

Renato Cedrola: Die meisten Personen sind ehemalige Spieler von uns. Diese schauen nach der Karriere, welche Möglichkeiten ihnen offen stehen und dann bietet es sich an, dass sie im Fussball bleiben. Sie kennen das Geschäft, haben sich im Laufe der Jahre ein grosses Netzwerk angeeignet. Wir halten viele Konferenzen per Skype ab, zwischendurch reisen wir aber auch, um uns persönlich auszutauschen. Das Alltagsgeschäft geschieht aber zumeist auf elektronischem Weg.

Spielerberater sind aus dem heutigen Fussballgeschäft kaum mehr wegzudenken. Wie kommt man eigentlich zu diesem Beruf?

Renato Cedrola: Man muss eine Lizenz machen, was bald abgeschafft wird, sodass man sich nur noch registrieren muss. Zuvor musste man bei Kanton und Staat eine Bewilligung für Personalvermittlung einholen, einen sauberen Leumund sowie eine abgeschlossene Lehre haben sowie eine Haftpflichtversicherung abschliessen. Dann wurde man vom SFV zu einer Prüfung eingeladen, in der primär rechtliche Regularien getestet wurden und rund 80% der Absolventen durchfielen. Wenn man diese bestand, erlangte man die Bewilligung, national und international Transfers abzuwickeln.

Spielerberater stehen durch ihre Aktivität hinter den Kulissen kaum im Rampenlicht, sind eher unbekannte Lichtgestalten. Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?

Renato Cedrola: Unsere Aufgaben umfassen verschiedene Bereiche. Primär das Sportliche: Wir werten die Leistungen unserer Spieler in den letzten Spielen aus, wobei wir aufwändige Videoanalysen durchführen. Dann senden wir den Spielern gewisse Szenen und analysieren sie mit ihnen. Darüber hinaus besuchen wir auch viele Spiele live, um uns selbst vor Ort ein Bild zu machen.

Michele Cedrola: Dann gehört für uns auch die Medienbeobachtung zum Alltagsgeschäft und wir treffen uns mit Werbeunternehmen, Ausrüstern, Vereinen, anderen Agenten, Ärzten, Physiotherapeuten. Kontakt ist in unserem Gewerbe sehr wichtig, wobei dies viel Zeit in Anspruch nimmt, zumal wir uns auch in verschiedenen Zeitzonen bewegen und das Telefon manchmal zu Unzeiten klingelt.

Haben Sie auch mal eine Pause zwischendurch?

Renato Cedrola: Ja, hin und wieder. Aber wenn die Meisterschaften laufen, schauen wir uns sehr viele Spiele an. Wir sind aber ein bisschen vom Vermittlergeschäft abgekommen und verstehen uns mehr als Spielerberater, die ihre Spieler formen und ihnen helfen, Karriere zu machen. Wir möchten Spieler scouten, sie unter Vertrag nehmen, wenn wir Perspektiven sehen und ihnen dann den Weg vorzeichnen, den sie gehen können; sie so step-by-step auf die nächste Ebene führen.

Michele Cedrola: Das nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Man muss die Spieler, insbesondere wenn sich ins Ausland wechseln, auch darauf vorbereiten. Sie begegnen anderen Kulturen, anderen Sprachen und anderem medialem Druck. Da muss man sie schulen, um ihnen die besten Voraussetzungen auf den Weg mitzugeben.

Etwas vom Wichtigsten in Ihrem Geschäft ist das Beziehungsnetz. Wie baut man sich ein solches auf?

Renato Cedrola: Da wir schon so lange dabei sind, kennt man uns, man schätzt unsere Seriosität und Kompetenz. Im Fussball herrscht eine ständige Rotation, wodurch man rasch viele Leute kennenlernt. Da ist zum Beispiel in einem Club ein Trainer und ein Sportchef, zwei Monate später sind schon die nächsten da. Man hat dadurch stets mit neuen Leuten zu tun, wodurch das Netzwerk über die Jahre stetig wächst, zumal man sich häufig an Spielen oder Conventions über den Weg läuft. Dazu kommt, dass vielfach Leute uns kontaktieren, auf uns zugehen. So wächst das dann auch.

Muss man, um in dieser Branche erfolgreich zu sein, gewissermassen aalglatt sein, auch mal jemandem in den Allerwertesten kriechen?

Renato Cedrola: Nein, überhaupt nicht. Jeder hat seine eigene Philosophie. Unsere ist die, dass wir nur gute Spieler brauchen. Sie sind unsere Leute, mit ihnen müssen wir loyal, transparent und kritisch arbeiten. Der Rest kommt dann von alleine – gute Spieler haben schliesslich immer Anfragen.

Michele Cedrola: Man muss einfach respektvoll miteinander umgehen. Ob mit Spielern, Trainern, Sportchefs, Präsidenten, Journalisten – sie alle gehören dazu, haben miteinander zu tun. Es müssen nicht alle die besten Freunde sein, aber ein respektvoller Umgang miteinander ist sehr wichtig.

Das Transferfenster ist zweimal im Jahr geöffnet. Wovon lebt ein Spielerberater eigentlich sonst?

Renato Cedrola: Wir haben verschiedene Bezüge. Primär sind das Transferbeteiligungen und Vermittlungsprovisionen, dazu kommen Managementgebühren oder Honorare für die Abwicklung eines Auftrags. Dies setzt sich immer aus verschiedenen Buchsen zusammen.

Spielerberater beraten Spieler. Doch wie kommt ein solcher eigentlich zu einem Berater? Wer sind die ersten Ansprechpersonen, um einen Spieler für eine Agentur zu gewinnen?

Renato Cedrola: Bei gestandenen Spielern sie selbst, bei jungen Spielern vor allem die Eltern. Wenn wir ein Spiel einer Nachwuchsmannschaft besuchen, sprechen wir ein Talent vielleicht an und nehmen dann Kontakt mit seinen Eltern auf, die in diesem Geschäft häufig etwas überfordert sind. Einige sprechen aber auch uns selbst an, da sie sehen, wen wir unter Vertrag haben und welche Karriere sie gemacht haben.

Viele Spieler kommen sehr jung zu Beratern. Wie planen Sie ihre Karriere und welchen Rat geben Sie einem auf den Weg, der mit 17 seinen ersten Profivertrag unterschreibt?

Renato Cedrola: Er muss lernwillig und lernfähig sein. Lernwillig bedeutet, dass er viel Leistungsbereitschaft aufbringen muss und nie aufhören darf, an sich zu arbeiten. Sobald man stagniert, fällt man zurück – es geht um Leben und Überleben, die Konkurrenz ist enorm. Lernfähigkeit hat primär mit Talent zu tun. Wir beobachten, ob ein Spieler Talent – technisch, taktisch, athletisch – und Soft-Skills wie Biss und Persönlichkeit hat und beurteilen dann, ob er das Zeug für eine Profikarriere hat.

Michele Cedrola: Wir zeigen ihnen dann aber auch auf, wie schwierig es ist, wie wenige Spieler es wirklich schaffen. Man muss ihnen sehr ehrlich begegnen, da nur die wenigsten den Sprung schaffen. Es braucht sehr viel, der Weg ist lang und voller Hindernisse. Sie müssen Opfer bringen, tagtäglich hart arbeiten und auch Verzicht üben, während die Kollegen ausgehen.

Renato Cedrola: Dazu kommt noch die Lehre, die Ausbildung – das alles unter einen Hut zu bringen, prägt und formt einen. Wenn man das hinkriegt, hat man das Zeug, es weit zu bringen.

Wie wird der Werdegang eines Spielers beobachtet? Stehen Sie in ständigem Kontakt mit Trainern und Vereinen?

Michele Cedrola: Natürlich, man hört sich an, was sie sagen. Schlussendlich gehen wir aber primär unseren Weg, da wir ja auch vieles sehen und Verantwortung haben. Dazu kommt, dass häufig bei Vereinen auch Eigeninteressen im Spiel sind…

Renato Cedrola: …und nicht jeder Trainer ein Held ist. Wir stehen immer in Kontakt, schliesslich schauen wir aber alles mit unseren eigenen Augen an. Wir sind dabei darauf angewiesen, dass wir selbst möglich wenige Fehler machen.

Inwiefern haben sich die Spielertypen in den Jahren verändert, seit Sie im Geschäft sind?

Renato Cedrola: Es ist heute alles viel professioneller. Die Jungen sind viel besser ausgebildet, geniessen in ihren Akademien gerade punkto Taktik sehr gute Schulungen. Früher war insbesondere ihr taktisches Niveau nicht so hoch, da hat sich schon alles weiter nach oben geschoben.

Dadurch, dass junge Spieler in Nachwuchsakademien sind, bewegen sie sich häufig ein wenig in ihrer eigenen Welt. Täuscht der Eindruck, dass die Spieler heute angepasster sind als früher?

Michele Cedrola: Das ist möglich, ja. Der Verein gibt auch immer mehr vor, beispielsweise Verhaltenskodexe oder der Umgang mit Social Media. Es lauern viele Gefahren, wie wir beispielsweise an Silvester gesehen haben, als die Rodriguez-Brüder in einem Zürcher Club eine Auseinandersetzung und danach negative Presse hatten. So richtig genau weiss aber kaum jemand, was wirklich war.

Renato Cedrola: Es braucht auch mehr Kontrolle, da mit den heutigen medialen Möglichkeiten alles viel schneller aufgenommen und verbreitet wird. Darauf müssen die Spieler vorbereitet werden – Kameras und Aufnahmegeräte gibt es überall.

Wie reagiert ein Berater auf Skandale wie beispielsweise politische Äusserungen oder Ausgangs-Eskapaden? Bekommen sie in einem solchen Fall ordentlich die Leviten gelesen, da sie ihren Marktwert und damit auch eine mögliche Einnahmequelle für Sie gefährden?

Renato Cedrola: Das ist schwierig zu sagen, da wir in unserem Portfolio nur gute Profis und keine Problemfälle haben. Es kann aber schon vorkommen, dann muss man mit ihm zusammensitzen und verstehen, was und wieso das passiert ist und wie es weiter geht. Man muss dabei auch den Menschen kennen und verstehen. Zumeist sind es sehr junge Spieler und auch wir haben als Junge viel ”Seich” gebaut. Das A und O ist es, sich gegenseitig zu vertrauen. Trotzdem müssen wir vorsichtig intervenieren, da dies auch schlechte Werbung für den Spieler, unsere Agentur und seinen Verein ist. Überdies haben auch die Medien Freude daran, da so eine Story für sie ein gefundenes Fressen ist.

Lesen Sie morgen in Teil 2 des Gesprächs, welchen Mechanismen der Transfermarkt unterliegt, welchen Stellenwert dabei Geld besitzt, welche Beziehung zu den Fans besteht und wie es den von ihnen betreuten Spielern derzeit geht…

Von Remo Zollinger