NerylonPress Front GroupSportsmanagement News

Sonntagsblick: Frische Ware vom Zuckerhut

Sonntagsblick 10.07.2011, Text: Dominik Steinmann, Fotos: Valeriano Di Domenico

Frische Ware vom Zuckerhut

Die St. Galler Firma Front Group hat 18 Jungtalente aus Brasilien in die Schweiz geholt. Das Kuriose daran: Alle haben die Profikarriere in ihrer Heimat verpasst. Ein alter Bekannter hat die Rohdiamanten rekrutiert: Jefferson, der ehemalige Stürmer von St. Gallen, FCZ und Xamax. Der 35-jährige Brasilianer nahm in seiner Heimat 60 Spieler genauer unter die Lupe, die 18 Besten durften danach mit nach Europa – also eine komplette Fussballmannschaft.

Die Samba-Truppe tingelt in diesen Tagen durch Österreich und die Schweiz. Die Spieler bilden eine Art Schicksalsgemeinschaft, sie trainieren und wohnen zusammen. Und alle hoffen, dass sie in einem der vier Testspiele gegen Klubs wie Wacker Innsbruck und Winterthur von den Scouts eines europäischen Klubs entdeckt werden.

Die Gebrüder Michele (40) und Renato Cedrola (46) haben das Camp organisiert. Obwohl es in Afrika ähnliche Camps gebe, sei die Idee neu. Renato Cedrola, lizenzierter Spielervermittler, erklärt: “Es handelt sich um ein Pilotprojekt. Falls die Klubs Interesse zeigen, werden wir das auch im Ausland machen.” 25 Tage lang bereiteten sich die 18 Talente in einem Camp in Brasilien auf die Europa-Tour vor, ein Fitnesscoach brachte die Dribbelkünstler auf Vordermann.

Live ist besser als DVD

Letzen Freitag um 18 Uhr: Die Sambra Truppe misst sich auf dem GC-Campus in Niederhasli ZH mit dem U-21-Team der Grasshoppers (1:1). Unter den rund 50 Zaungästen befinden sich einige dubiose Gestalten, aber auch ein bekanntes Gesicht: GC-Assistenzcoach Salvatore Romano (43). Der Ex-Profi findet die Idee gut: “Die Spieler können sich hier doch präsentieren und wir sehen sie live, nicht wie üblich nur auf DVD.”

Und: Gibt es einen Neymar unter den 18 Samba-Kickern? Romano hält sich bedeckt, Renato Cedrola sagt nach dem Spielchen, zwei bis Akteure hätten bei den Hoppers einen guten Eindruck hinterlassen. Jefferson: “Es gibt einen, der aussergewöhlich ist.” Gemeint ist der wieselflinke Nerylon Ferreira de Oliveira, der bei den Junioren des FC Sao Paulo gross wurde und zuletzt bei Fortaleza (2. Liga) unter Vertrag stand. Im Test gegen die GC-Youngsters zeigt er, was er drauf hat. Hoffenheim bekundet nach dem Spiel gegen Wacker Innsbruck Interesse. Jefferson glaubt, ass er ein Jahr brauche, um physisch aufzuholen. Von welchem Verein träumt Nerylon? Nerylon hat seine Lektion gelernt: “Ich will zuerst hier in der Schweiz spielen.” Ein Blick auf die Spielerliste zeigt: Mit 23 Jahren bleibt ihm nicht mehr viel Zeit.

Ist es Menschenhandel?

Auch Jefferson weiss: “Für Brasilianer ist es viel schwieriger, in Europa Fuss zu fassen. Das liegt an der Mentalität.” Es sei wichtig, schon vor dem Sprung nach Europa mit den Spielern zu arbeiten, sie in Sprachkurse zu schicken. Jefferson: “Als ich nach St. Gallen kam, war ich alleine. Trainer Marcel Koller hatte zwar immer ein ofenes Ohr, aber das ist eigentlich nicht sein Job.” Er musste zuerst lernen, wie man den Abfall entsorgt oder ein Zugticket löst. Technisch und spielerisch hätten die Spieler ohnehin Qualität, es müsse aber im Kopf stimmen. Cedrola, er auch St. Gallens Star Scarione berät, bringt es auf den Punkt: “Man muss auch rennen können.”

Grenzt da nicht an Menschenhandel? Renato Cedrola: “Klar wollen wir Geld verdienen. Aber für diese Spieler ist das eine Chance. Wir bezahlen alles, vom Flug über das Hotel bis zum Essen.” Die Möglichkeit sei einzigartig, sagen mehrere Spieler. Die Stimmung in der Truppe ist gut. Und Jefferson kennt die Perspektiven im 190-Millionen-Einwohner-Land: “Das beste Geschenk, welches ein Brasilianer seinem Kind machen kann, ist ein Ball. Nicht eine Playstation. Mit dem Ball kann es die ganze Familie aus der Misere holen.” Der ehemalige Stürmer hofft von ganzem Herzen, dass sich der Traum von Europa für den einen oder anderen erfüllt.

Wie viel müssten denn ein Klub wie GC für Nerylon hinblättern? Renato Cedrola: “Sagen wir etwa 200.000 und eine Beteiligung beim nächsten Transfer.”.