Beim FC St. Gallen war er oft nur zweite Wahl. Jetzt überrascht Ivan Martic in einer der weltbesten Ligen und zeigt, was er drauf hat. Wir ­trafen den ­Uzwiler bei ­seinem Kurzbesuch in St. Gallen.

von Ueli Daepp  Ivan Martic überrascht in der ital. Topliga – 22.10.2014

anzeiger: Herr Martic, warum sind Sie vom FC St. Gallen in die Serie A nach Italien gewechselt?

Ivan Martic: Nach zehn Jahren beim FC St. Gallen wollte ich etwas Neues wagen. Dass der Transfer zu Hellas Verona geklappt hat, macht mich froh.
Fühlten Sie sich beim FC St. Gallen nicht genug wertgeschätzt?

Es ist schon so: Der Trainer hatte auf Mario Mutsch gesetzt, obwohl ich regelmässig gute Spiele gezeigt habe. Trotzdem spielte meistens er. Es hat mir beim FCSG wohl niemand zugetraut, dass ich diesen Schritt nach Italien mache.
Sie sind in Uzwil aufgewachsen und mit der Region verwurzelt. Wie war es für Sie, Familie, Freunde und die FC-Uzwil-B-Junioren, die Sie trainiert haben, zurückzulassen?

Einfach war dieser Schritt nicht. Aber ich bin froh, dass ich ihn gemacht habe. Mein Wille, einen Schritt nach vorne zu machen, war gross. Natürlich fehlt mir mein Umfeld, aber ich lerne, damit zu leben.
Heimweh?

Es ist auszuhalten. Verona ist ja nicht so weit von der Ostschweiz entfernt (fünf Autostunden, Red.). Wenn wir einmal pro Monat zwei bis drei Tage frei bekommen, kehre ich heim. Manchmal kommen mich meine Kollegen hier in Verona besuchen – das geniesse ich dann sehr.
Wie haben Sie sich auf Ihren Wechsel von St. Gallen nach Italien vorbereitet?

Meine Spielerberater, Michele und Renato Cedrola von Front Group in St. Gallen, haben mir einen Italienisch-Privatlehrer sowie einen Mentaltrainer organisiert. So lernte ich drei Monate lang Italienisch und bereitete mich mit Mentaltraining auf meine neue Aufgabe vor: Ich setzte mir zum Ziel, beim Saisonstart gegen Atalanta Bergamo in der Startelf zu stehen. Dieses Ziel habe ich erreicht.
Wie war das, als Sie zum ersten Mal für Hellas Verona in Italien aufgelaufen sind?

Ich sah diese Wand von Fans. 20?000 Menschen, die unheimlich laut sind. Die Rivalität zwischen Verona und unserem Gegner Bergamo ist riesig – davor hatte ich Bammel. Kurz bevor wir auf den Platz gegangen sind, hat mich Luca Toni in den Arm genommen und gesagt: «Mach dein Spiel. Mach es einfach. Spiel was du kannst.» Als ich auf den Platz lief, sagte ich mir: «Das ist es, was du wolltest.» Hinterher bekam ich positive Kritiken.
Sie spielen nun an der Seite von Italiens Weltmeister Luca Toni.

Ich habe ihn schon früher gerne spielen gesehen, damals mit Bayern München. Er war ein Bomber! Mich wunderts nicht, dass er so viele Tore geschossen hat. Auch heute ist er im Strafraum einfach ein Killer. Ich kenne wenige Spieler, die mit dem Kopf, mit dem linken und mit dem rechten Fuss alles reinmachen, so wie er. Auch Mitspieler Rafael Marquez, der viele Jahre beim FC Barcelona gespielt hat, ist ein grossartiger Lehrmeister.
Der wichtigste Unterschied zwischen der Super League und Italiens Serie A?

Die Medien sind unheimlich präsent in Italien. Zahlreiche Journalisten beobachten uns täglich im Training. Auch das Fernsehen ist ständig da. Wir stehen unter Dauerbeobachtung.
Wie gehen Sie damit um?

Anfangs habe ich das gar nicht so bemerkt. Bald realisierte ich aber, dass man sich hier nicht viele Fehler erlauben kann. Man steht dauernd unter Druck, auch im Training. Das Kader ist mit fast 30 Spielern unheimlich gross. Jeder kämpft um einen festen Platz.
Wird bei Verona anders trainiert als beim FC St. Gallen?

In Italien wird unheimlich viel Taktik trainiert. Wir haben hier täglich eine Stunde lang Taktiktraining. Das geschieht nicht nur per Videoanalyse, sondern oft ­eine ganze Stunde lang auf dem Feld. Der Trainer sagt dann, wie wir uns bewegen müssen.
Tönt ziemlich langweilig!

Natürlich ist das zuerst langweilig (lacht). Aber es hilft unheimlich! Was ich in diesen drei Monaten an Taktik gelernt habe, bekam ich in fünf Jahren in der Schweiz nicht gelernt. Ich habe im taktischen Bereich in kurzer Zeit grosse Fortschritte gemacht. Ich weiss besser, wie ich stehen und wann ich herauslaufen soll. Das hilft mir sehr, weil ich als offensiv orientierter Spieler jetzt auch defensiv versierter bin.
Wie oft haben Sie ihren Schritt zu Hellas Verona schon bereut?

Bereut habe ich noch nichts. Ich bin sehr zufrieden. Mir gefällt sowohl der Club und sein Umfeld als auch die Stadt.
Was machen Sie in Verona, wenn Sie nicht Fussball spielen?

In Italien braucht man für vieles etwas mehr Zeit als in der Schweiz: Wenn ich etwa einen Internetanschluss oder ein Auto organisieren will, dauert das länger als ichs gewohnt bin (lacht). Ansonsten gibt es in Verona viel zu besichtigen. Und ich fahre auch mal an den nahen Gardasee, um mich zu erholen. Es gibt ja hier öfter Sonne als in der Ostschweiz.
Wie macht sich ein Wechsel vom FCSG in Italiens Topliga auf dem Lohnkonto bezahlt?

Es ist schon ein Unterschied – aber mehr möchte ich dazu nicht sagen.

 

FC-Uzwil-Junioren danken Ivan Martic
Ivan Martic trainierte neben seinem Pensum als Profifussballer beim FCSG bis letzten Sommer auch die FC-Uzwil-B-Junioren. Seine Spieler schrieben ihm zum Abschied: «Lieber Ivan. Es war eine sehr prägende Zeit, denn der Hauptfokus war nicht nur Fussball, sondern dass wir im Leben etwas mitnehmen können. Hilfsbereitschaft, Teamfähigkeit, Motivation, Leidenschaft. Diese Lebenseinstellung, die uns fest eingeprägt wurde, verdanken wir Dir. Wir sind alle fest überzeugt, dass aus Dir ein grosser Fussballer wird – Du packst das! Alles Gute. Deine Junioren.»